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Der Automobilsektor kann nicht länger deutsche Schlüsselindustrie sein

Autoland ist abgebrannt- von Michael Dangel

Der Oekonom 14.10.2020 0 Teilen

Autoland ist abgebrannt – die Automobilindustrie hat fertig (Bildmontge: WIR)

Vom automobilen Wahn

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Metapol: https://gegenstrom.org/autoland-ist-abgebrannt/ )

Bekanntlich liegt die Wiege der Automobilindustrie in meiner geliebten Heimat Württemberg. In Kooperation mit Wilhelm Maybach entwickelte er bekanntlich in den 70er Jahren das erste vierrädrige Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor. Und so muss es nicht verwundern, dass renommierteste Automobilschmieden sowie deren Zulieferer mit Weltmarktführung auch heute im Südwesten Ihren Sitz haben.

Unabhängig von der geographischen Verortung und der folgerichtigen Verballhornung des Automobils als Heilig’s Blechle neben dessen Verwendung als schwäbische Redensart, um sein Erstaunen zum Ausdruck zu bringen, ist die Entwicklung des Pkw’s zum Statussymbol mehr als beachtenswert – nicht nur im Südwesten unseres Vaterlandes. Wenn es ein Paradebeispiel für Geltungskonsum gibt, dann ist es der Kauf bzw. das Leasen eines Kraftfahrzeuges.

Es ist erstaunlich, dass gerade in dem als besonders sparsam geltenden Schwaben so ziemlich vormals jede Mark und derzeit noch die gescheiterte europäische Kunstwährung mehrfach herumgedreht wird, nur dann nicht, wenn es um’s Heilig’s Blechle geht. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Da wird zusätzlich am Wochenende ein Minijob ausgeübt, um sich ein Fahrzeug leisten zu können, das ansonsten finanziell nicht darstellbar ist. Da nehmen ansonsten knickrige Unternehmer finanzielle Belastungen in Kauf, die sie für nichts anderes jemals eingehen würden. Da ist generell eine große Bereitschaft vorhanden, einen großen Teil des verfügbaren Einkommens für den fahrbaren Untersatz auszugeben.

Für mich als nüchternen Ökonomen war diese Begeisterung ohnehin nicht nachvollziehbar. Noch viel weniger die Tatsache, dass es der Automobilindustrie gelang, im Zusammenhang mit der Verwendung eines Automobils dauerhaft Assoziationen geschaffen zu haben, die sich unter anderem mit Freiheit, Zukunft und Fortschritt konkretisieren lassen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass ich dieses irrationale Verhalten im Umgang mit dem Pkw und seinen Kosten schon seit jeher als automobilen Wahn bezeichnet habe.

Buntlands Schlüsselindustrie: der Automobilsektor

In wenigen Industriezweigen vermag die zunehmend staatssozialistisch geprägte deutsche Wirtschaft noch ihre führende Stellung behaupten. Der Maschinenbau, die Chemiebranche und der Logistiksektor gehören dazu. Unstrittig an der Spitze des verarbeitenden Gewerbes ist aber die Automobilindustrie, die nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 2019 direkt 833.000 Personen beschäftigte. Nach Angaben des Automobillobbyverbandes VDA sollen allein im Bereich Motoren- und Getriebeherstellung 13 Prozent der Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie generiert werden. In dessen Mittelpunkt:  Der Dinosaurier unter der Antriebstechnik: das Dieselaggregat.

Der geneigte Leser sei hier an das sogenannte Dieselgate 2015 erinnert und damit verbunden an Strafzahlungen gegenüber insbesondere US-Behörden aber auch mit Entschädigungsforderungen gegenüber bewusst getäuschten Verbrauchern weltweit. Neben dem materiellen Schaden in zigfacher Milliardenhöhe wurde zudem der Mythos unerreichter deutscher Ingenieurskunst förmlich pulverisiert. Global wurde man der Tatsache gewahr, dass Schummelsoftware an die Stelle von Innovationskraft im früheren Land der Dichter und Denker sowie Ingenieure und Erfinder getreten ist.

Im Ergebnis wurde der Diesel, was seine Emissionswerte betrifft, nicht weiterentwickelt, zumindest aber nicht in seiner optimierten Version angeboten. Um dem übergeordneten Renditeziel der Shareholder zu genügen, setzte man auf Betrug. Qualität als automobiler deutscher Markenkern gehört der Vergangenheit an.

Noch trauriger als in Sachen Antriebstechnik und Dieselfokussierung sieht es generell beim Gesamtpaket Pkw in vormals deutschen Landen aus. Der Dieselmotor kann was seine komplexe Herstellung anbetrifft als Synonym dafür gelten, was den dem Durchschnittsautofahrer zunehmend weniger wichtig wird. Die fortschreitende Verstädterung auf der einen, die Überalterung der Wohnbevölkerung auf der anderen Seite hinterlassen deutliche Spuren. Wenn der Dieselbesitzer überhaupt noch durch Fahrverbote unbeeinträchtigt sein Reiseziel wählen darf, tritt für die Alltagsanwendung des Boliden immer mehr Multimedia, Navigationssystem und Co. in den Vordergrund. Hier sind die deutschen Hersteller allenfalls bieder, meist aber muss generell alles Innovative im IT-Sektor von Fremdanbietern bezogen werden.

Horizontale Integration ist typisches Auslaufmodell der Buntlandökonomie

Von Lobbyisten der Automobilindustrie wird wie oben ausgeführt häufig das hohe Lied auf die hohe Wertschöpfung dieses Sektors des verarbeitenden Gewerbes angestimmt. Man darf an den Zahlenwerken, die dies belegen, getrost zweifeln. Genauso wie am mehr als fragwürdigen früher geführten Ehrentitel “Exportweltmeister”. Rein systematisch muss man bei der Erfassung der vermeintlichen beschriebenen Erfolge kritisch einwenden, dass hierbei häufig die in den Gesamt- bzw. Exportumsatz eingegangenen Vorleistungen wohl unzureichend berücksichtigt werden. Hans-Werner Sinn ist es zu verdanken, auf diese Fehlentwicklung zur Basarökonomie verwiesen zu haben.

Aber nicht nur die Abnahme der Fertigungstiefe in Deutschland ist bedenklich, gerade die extrem internationalisierte horizontale Aufstellung des gesamten Fertigungsprozesses ist bedenklich. Meister der vertikalen Integration ist fraglos Apple. Hier wird nichts, aber auch gar nichts im Umfeld der Apple-Produktfamilien geduldet, was nicht Apple ist. Kein anderes Betriebssystem, keine Fremdsoftware, keine externen Geräte ohne das ‘Äpfelchen’. Möglich ist dies freilich nicht zuletzt wegen der Pionierstellung des Weltkonzerns, an die Spitze gestürmt durch die geniale Erfindung des Touchscreen.

Dies erscheint im Automobilsektor wegen seiner viel höheren Fertigungstiefe nahezu unmöglich. Generell hat aber auch hier die Digitalisierung dazu geführt, dass neues Herzstück bei der Konstruktion eines Fahrzeuges das Betriebs- und Bussystem geworden ist und den Motor abgelöst hat. Deutschland war in diesem Sektor vormals noch führend, wurde doch bekanntlich das kabelsparende CAN-Bus-System 1983 von Bosch entwickelt. Dieses System war lange Zeit prägend für die gesamte Automobilindustrie. Aber der Zahn der Zeit nagt an allem und längst ist das Land von Konrad Zuse, was die Digitalisierung anbetrifft, auf dem Weg, ein Entwicklungsland zu werden. Der Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers würde sich im Grabe umdrehen……

In der Tat fällt der deutschen Automobilindustrie derzeit ihre breite horizontale Aufstellung auf die Füße. Hier wird nicht mehr in direkter Abhängigkeit bei elementaren Komponenten gefertigt, sondern munter nebeneinander her. Folge: Da die Software- und Hardwarekomponenten nicht nur nicht selbst hergestellt werden, sondern nicht aufeinander abgestimmt sind, schlucken die parallel entwickelten Module unnötige Ressourcen. Damit sinkt die Leistungsfähigkeit des Gesamtpaketes.

Nach Auffassung von Branchenkennern bereitet gerade diese Entwicklung derzeit Probleme beim Stromer VW ID3, der vollmundig als Nachfolger des Golf präsentiert wurde, aber wohl kaum in der Lage sein wird, in die großen Fußstapfen seines Verbrennervorgängers zu treten. Nachdem beim ID3 alle Komponenten integriert wurden, stellte sich heraus, dass der alles Koordinierende Computer nicht leistungsfähig genug ist. Der Fluch der horizontalen Integration und abnehmender Fertigungstiefe.

Weil ein moderner Pkw aus unzählig mehr Komponenten besteht, ist wie oben dargestellt die radikale vertikale Integration von Apple selbst für ein anderes innovatives Unternehmen wie Tesla unerreichbar sein; dessen ungeachtet dürfte Tesla die deutschen Konkurrenten um den Faktor zwei bis fünf im Hinblick auf vertikale Integration übertreffen. Zudem ist das Modell Tesla-Automobilität vollständig auf die Abhängigkeit aller Nutzer von deren Software und Hardware ausgerichtet. Selbst der Tesla-Käufer ist im Ergebnis nur ein Nutzer. Die Firmen in Übersee zeigen der erstarrten Unternehmerstruktur in Deutschland einmal mehr, was eine Harke ist. Und so ist es bezeichnend, dass der einst so stolze Automobilbauer aus Wolfsburg den E-Motor für seinen ID3 aus Südostasien bezieht.

Die Digitalisierung hat die bunte Kanzlerin bekanntlich zur Chefsache erklärt, mit dem für alle erkennbaren katastrophalen Ergebnis. Den Flüchlingstsunami hat das “kinderlose Weib aus Mecklenburg-Vorpommern” (Dr. Reinhold Oberlercher) bewusst in unser geschundenes Land gelenkt – bei der Digitalisierung herrscht dagegen geistige Windstille im Kanzleramt. Der überall feststellbare ‘Merkelschatten’ bei unseren Mobilfunkverbindungen (“Funkloch”) und eine allgemeine Technikaversion sind die Folge. Computer sind für die überalterte Wäherschaft von CDU und CSU vor allem Jobkiller.

Automobilsektor – Fossil des vordigitalen Zeitalters?

Kritisch ist generell die Fokussierug der deutschen Wirtschaft auf den Automobilsektor zu sehen. Da ist zunächst die mehr als problematische Exportorientierung zu nennen. Ungefähr zwei Drittel der Fahrzeuge werden exportiert. USA, UK und China heißen die Hauptabnehmer. Das setzt einen intakten Welthandel voraus. Die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Volkrepublik um die Hegemonialstellung ist offensichtlich. Die Briten flüchten aus dem sozialistisch-bürokratischen Ungetüm namens EU, das zutiefst von französischem Zentralismus und Etatismus geprägt ist. Exportüberschüsse, wenn sie denn überhaupt in behaupteter Höhe entstehen, waren aber schon seit jeher mit Kapitalexporten verbunden. Fragt sich nur, ob es jemals zu einem Rückfluss dieser Kapitalexporte kommt.

Ganz düstere Zeitgenossen gehen gar noch weiter: Muss nicht im Hinblick auf die Möglichkeiten der Digitalisierung die Reisetätigkeit abnehmen. Haben nicht Videokonferenzen Geschäftsreisen nahezu unnötig gemacht? Ist denn nicht das bundesrepublikanische Fernreisefieber zutiefst umweltschädlich und wird das dem braven GRÜNEN-Wähler und seiner in allen Parteien vorhandenen ökologistsichen Mitstreitern nicht von ‘Greta, der Eisheiligen’ untersagt? Macht das Homeoffice nicht in vielen Fällen die Fahrt zum Arbeitsplatz unnötig?

Erscheint nicht das Konzept “Teilen statt Haben” als nachhaltig und zukunftsfähig, was selbstverständlich auch den Pkw einschließt? In vielen Großstädten wie Berlin ist der eigene Fahrbare Untersatz schon jetzt nicht nur Luxus, sondern häufig auch unpraktisch. Dies mag sich auf dem ‘flachen Land’ mit extrem ausgedünntem öffentlichen Personennahverkehr gänzlich anders darstellen, aber auf breiter Front führt die Digitalisierung, die deutsche Rückständigkeit auf vorgenanntem Sektor sowie Konzepte wie die angeführte Sharing Economy wohl an vielen anderen Stellen zum völligen Einbruch der Nachfrage nach Automobilen. Der bunte Himmel über der bundesrepublikanischen Automobilindustrie färbt sich tiefdunkel. Ich gehe vom Wegfall von einem Drittel der Beschäftigten binnen fünf Jahren im Automobilsektor aus. Autoland ist abgebrannt.



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