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Eugen Böhm von Bawerk aktueller denn je
Kurz vor seinem Tod am 27. August 1914 veröffentlichte Eugen Böhm von Bawerk den Aufsatz „Macht oder ökonomisches Gesetz“. In diesem als epochal zu bezeichnenden Beitrag vertrat von Bawerk die Auffassung, dass letztendlich die ökonomischen Gesetze, insonderheit die Wirkungsweise von Angebot und Nachfrage, den Preis bestimmen. Staatliches Eingreifen könne zwar das Marktergebnis einige Zeit verzerren, letztlich aber den Siegeszug der Marktmechanismen nicht verhindern. Im angeführten Aufsatz bezog von Bawerk seine Auffassung der Wirkmacht der ökonomischen Gesetze sogar auf einen ganz besonderen Preis: den Lohn. Eine Feststellung, die dem ökonomisch Interessierten in einer Zeit des global voranschreitenden Sozialismus nachdenklich stimmen muss, wird doch allen Ernstes von Teilen der neuen Biden-Regierung ein gesetzlicher Mindeststundenlohn von 15 Dollar gefordert. Wohlgemerkt in den Vereinigten Staaten von Amerika – ‘dem‘ kapitalistischen Musterland, nicht im perfiden Merkel-Deutschland, das sich zielsicher zu einer DDR 2.0 entwickelt – nicht nur, aber besonders im ökonomischen Sektor ‘dieses unseres Landes‘. Die CDU, die frühere Partei Ludwig Erhards entwickelt sich immer mehr zur Speerspitze eines absolut ineffizienten Umverteilungsirrsinns. Erhard, der Vater der sozialen Marktwirtschaft, für den sozial stets das war, was Arbeit schafft, würde sich im Grabe umdrehen angesichts der jüngsten Vorschläge aus Unionskreisen, die im schlechtesten Sinne ‘populistisch‘ nach einer Google- und Amazonsteuer rufen oder wenigstens etwas sachorientiert eine Paketsteuer für den Online-Handel ins Gespräch bringen.
Libertarismus versus Staatsvergottung
An den extremen Polen des Meinungsspektrums wird der Markt entweder als der Mechanismus betrachtet, der am Ende immer recht hat – Böhm von Bawerk würde hierin mit einstimmen, oder als entpersönlichte reine Funktionalität, die blind sei gegenüber Manipulationen bzw. Fehlentwicklungen und vor allem ‘ungerecht‘ – letztere Auffassung vertreten Sozialisten aller Provenienz.
Es wird den geneigten Leser dieser Zeilen nicht wundern, dass der Verfasser als bekennender Anhänger der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ und radikaler Antisozialist weit mehr bei Eugen Böhm von Bawerk ist, welcher zusammen mit Carl Menger und Friedrich von Wieser eben jene Wiener Schule begründete, welche eine wichtige Grundlage für jene heterogene geistige Strömung bildet, die man als „Libertarismus“ bezeichnet.
Libertäre führen in der Bundesrepublik sowie weltweit ein Schattendasein in überschaubaren Zirkeln. Die „Österreichische Schule“ ist zwar begrifflich bekannt, aber kaum einer hat sich näher damit beschäftigt. Während Wirtschaftswissenschaftler gerade in Anbetracht der letzten Finanzkrise Anleihen bei der Wiener Schule und deren Geldtheorie nehmen – Stichwort: goldgedecktes Währungssystem nach dem Finanz-Armageddon, sind Politiker gerade in Deutschland Ideen der „Austrian Libertarians“ im Gegensatz zu beispielsweise den USA völlig abhold.
Ein kurzer Überblick über die sehr heterogenen Libertären sei aber nun gegeben. Im Kern beruht die libertäre Idee auf der Überzeugung, zentraler Inhalt von Freiheit sei das Selbsteigentum von individuellen Rechten und Privateigentum. Die graduellen Unterschiede dieser Grundposition findet der Libertarismus in der Positionierung der Rolle des Staates, der aber ausnahmslos immer hinter den Rechten des Individuums zu stehen hat. Die bekannteste Ausprägung dürfte in diesem Zusammenhang auch die vom Verfasser vertretene Auffassung des Minimalstaates bzw. „Nachtwächterstaates“ gegenüber dem Maximalstaat in seinen sozialistischen und/oder autoritären Ausprägungen Wohlfahrtsstaat bzw. (inter-)nationaler Totalitarismus.
In seiner Extremform findet der Libertarismus seine Ausprägung im Nullstaat. Die Anhänger dieser Extremform kaprizieren sich häufig auf den Begriff „Anarcho-Kapitalismus“ im Sinne des diesbezüglich also Übervater fungierenden Murray Rothbart und fabulieren von einer schönen neuen Welt geprägt von einer reinen Privatrechtsordnung – also ohne Vorhandensein öffentlichen Rechts – verbunden mit einem Nichtaggressionsprinzip, da jegliche Gewaltanwendung die Rechte anderer Individuen beeinträchtigen würde.
Vom einzuschränkenden Primat der Politik
Manche klassische Libertäre und auch die, welche als ‘Marktradikale‘ im öffentlichen Diskurs bezeichnet werden, bestreiten das Primat der Politik gänzlich und halten fast alle Fragen im Leben eines Volkes ökonomischen Lösungsmodellen für zugänglich. Als bekanntester Vertreter einer derartigen Auffassung ist der Wirtschaftsnobelpreisträger und Begründer des anti-keynesianistischen Monetarismus Milton Friedman zu nennen, der sich bereits in der Zeit US-amerikanischer Prüderie der 50er Jahre für die Liberalisierung der Prostitution und noch radikaler für eine völlige Legalisierung von Drogen einsetzte (Friedman war vehementer Gegner der vormals von den USA praktizierten Politik des „war on drugs“). Selbst das Bildungsmonopol des Staates wurde von ihm hinterfragt. Dabei schlug er vor, die Schulpolitik mit Ausgabe von Bildungsgutscheinen, die direkt an die Betroffenen ausgegeben werden sollten, um damit die finanziellen Mittel nicht direkt an staatliche Institutionen fließen zu lassen, einer marktwirtschaftlichen Lösung zuzuführen.
In Anbetracht der real existierenden multikulturellen Zersiedelung aller westeuropäischen Staaten ist der Minimalstaat auf allen Ebenen, insbesondere der inneren und äußeren Sicherheit, nach Meinung des Verfassers eine gemeingefährliche Option. Legt man die offensichtlichen Folgen der Brutalisierung, Kriminalisierung und Primitivisierung bzw. Verrohung der bunten Republik und anderer multirassischer Gesellschaftsexperimente Westeuropas zugrunde, muss im Gegenteil, was innere und äußere Sicherheit anbetrifft, eine maximalstaatorientierte Grundkonzeption präferiert werden. Nur wenn man die multiethnischen, multirassischen und multireligiösen Konflikte Buntlands zu beherrschen vermag, die zunehmend von extremen Einkommens- und Vermögensunterschieden überlagert werden, wenn es zudem gelingt, zusammen mit unseren europäischen Brudervölkern die Invasion afrikanischer und asiatischer Versorgungssuchender radikal gegen null zu drücken, gibt es überhaupt eine Zukunft für das, was einstmals das deutsche Volk war. Provozierend formuliert bedeutet dies, dass in Fragen der inneren und äußeren Sicherheit dem Diktum von Augusto Pinochet gegenüber libertaristischen Utopien klar der Vorzug zu geben ist. Pinochet brachte dereinst seine Überzeugung wie folgt zum Ausdruck: „In Chile bewegt sich kein Blatt, ohne dass ich davon weiß!“.
Jedes Politikfeld ist dessen ungeachtet gesondert zu betrachten, um zu prüfen, ob es sich hier um existentielle Probleme handelt, welche keiner marktwirtschaftlichen Lösung zugänglich sind, oder ob nicht generell weniger Staat dem generellen Primat der Politik im Sinne von Freiheit und Effizienz vorzuziehen wäre.
Das gerade von bundesrepublikanischen Politikdarstellern und ihren medialen Helfershelfern seit der Weltfinanzkrise wieder verstärkt in den öffentlichen Diskurs gebrachte Primat der Politik weist offensichtliche Schwachstellen auf: Zum einen setzt es voraus, dass man von einer Elitenführung des Gemeinwesens bessere Ergebnisse für die allgemeine Wohlfahrt erwartet als von der Schwarmintelligenz des Marktes. Die vor allem in Deutschland als verspätete Nation immer noch weitverbreitete „Staatsvergottung“ weist hier die gleiche Elitenutopie auf wie der Sozialismus. Immer wenn etwas nicht läuft oder (sozial) ungerecht scheint, wird nach dem Staat gerufen. Warum eigentlich?
Ist nicht weit mehr Wissen bei den Marktteilnehmern in ihrer Gesamtheit vorhanden wie bei den wenigen politisch Verantwortlichen? Damit wird die zweite Grundproblematik bereits angedeutet. Genügen die politischen Vertreter überhaupt Eliteansprüchen? Über die politische Führung hinaus ist der gesamte Beamtenapparat zu hinterfragen. Ist es denn nicht so, dass nur die nach Sicherheit bzw. dem Status „Beamte auf Lebenszeit“ Strebenden in den Staatsdienst wollen? Ist es nicht vielmehr so, dass die objektiv feststehenden Elitenmerkmale wie Intelligenz und Qualität der Berufsabschlüsse bzw. Studiengänge auf Ebene der politischen Führung wie des Beamtenstabes gar nicht vorhanden oder zu schwach ausgeprägt sind? Ist nicht die miserable Bezahlung der Beamten in ihrer aktiven Zeit und die Überbezahlung in Pensionszeiten ein Grund, bei Hochbegabung lieber ins eiskalte Bad der freien Wirtschaft zu springen als in die lauwarme Brühe dröger Behörden mit der inhaltlichen Beweglichkeit eines Öltankers?
Es ist unbestritten, dass neben der Problematik der Berufsbeamten der demokratische Parlamentarismus eklatante advers selektive Tendenzen bzgl. des gewählten und verantwortlichen Personals aufweist. Aber selbst wenn man die Schuld hierfür dem vermeintlich dekadenten parlamentarisch-demokratischen System vorwirft, ist das Politikkonzept einer staatlichen Elitenführung sowohl theoretisch wie praktisch jeglichen Beweis für seine Überlegenheit gegenüber Marktprozessen schuldig geblieben.
Störfaktoren der Funktionalität der Marktwirtschaft
Einer Grundrichtung zugeneigt zu sein, heißt nicht, die Augen vor der Realität zu verschließen. Der Markt hat nur dann ‘recht‘, wenn das marktwirtschaftliche System überhaupt funktioniert. Für die Dysfunktionalität von Märkten sollen im Folgenden vier Hauptverursacher näher beleuchtet werden: 1. Der Sozialismus, 2. Der Staat, 3. Die Finanzialisierung und schließlich 4. Die Marktmacht.
- Störfaktor Sozialismus
Der Sozialismus in all seinen Erscheinungsformen ist die real existierende Ausprägung ökonomischer Ineffizienz. Auch wenn der Sozialismus auf Samtpfoten daherkommt, wie derzeit beispielsweise im grünen neomarxistischen Mäntelchen, stets greift er in Marktprozesse ein, weil er normative Überzeugungen über die von der Schwarmintelligenz generierten Marktentscheidungen stellt. Im Extremfall konkretisiert sich der Sozialismus in der Planwirtschaft. Auf keinem Felde ist der Sozialismus krachender gescheitert wie dem der Ökonomie. Marktwirtschaft legt die Grundlage für Fortschritt und Effizienz. Planwirtschaft ist die Institutionalisierung von notorischer Fehlallokation und Ineffizienz. Jede sozialistische Regung in der Ökonomie und sei sie bei manchen Anhängern der nationalen Idee auch mit dem Begriff des starken Staates assoziativ verknüpft führt zwangsläufig zu Ressourcenverschwendung – jede.
Der Sozialismus sitzt dabei stets einer Machbarkeits- bzw. Elitenutopie auf: Mit entsprechendem System – gerade im Kommunikationszeitalter – und der weltanschaulich gefestigten Führungselite könne man zum einen die sozialistische Vision umsetzen und zum anderen sei durch die (Pseudo-)Eliten gewährleistet, dass die ‘richtigen‘ Entscheidungen getroffen werden. Die auch nur ansatzweise Richtigkeit seiner Thesen ist der Sozialismus in all seinen Erscheinungsformen in der bisherigen Menschheitsgeschichte schuldig geblieben. Er wird es auch niemals können.
Sozialismus führt unausweichlich zur Dysfunktionalität der Märkte.
2. Störfaktor Staat
Der klassische Staatssozialismus mag seit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus zwar in Europa überwunden worden sein, sein Schoß aber ist fruchtbar noch. In vielen westlichen Demokratien hat sich nicht nur, aber gerade im ökonomischen Sektor so etwas wie ein ‘Sozialismus light’ etabliert. Längst hat dieser ‘Samtpfotensozialismus‘ die Unionsparteien in Deutschland bzw. ganz allgemein vermeintlich konservative Parteien in Europa erfasst. An die Stelle der sozialistischen Vision in seiner Reinkultur tritt bei staatlichen Störfaktoren im Marktgeschehen liberaler Demokratien die Phrase der sozialen Gerechtigkeit.
Mit wenigen anderen Begriffen ist in den letzten Jahrzehnten so viel Schindluder getrieben worden wie mit dem der ‘sozialen Gerechtigkeit‘. In seiner Extremform ist damit verbunden ein Recht auf staatlich alimentiertes Nichtstun, das häufig in den Begriffen „Bürgergeld“ oder „bedingungsloses Grundeinkommen“ verpackt daherkommt.
Generell ist zur Wirkmacht ökonomischer Gesetze zu sagen, dass ihnen keinerlei Gerechtigkeitspostulate innewohnen, d.h.: Das Marktgeschehen erhebt keinerlei Anspruch auf ‘Gerechtigkeit‘. Gerechtigkeit beansprucht immer eine normative Aussage bzw. Stoßrichtung. Der Markt reagiert auf Knappheitssignale und strebt – positiv betrachtet – nach Effizienz bzw. negativ betrachtet nach Vermeidung von Fehlallokationen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Jeder staatliche Eingriff in das Marktgeschehen führt zu Ineffizienzen. Egal ob Mindestlohn oder Mietpreisbremse: Bei Gesamtbetrachtung des ökonomischen Geschehens entstehen Ineffizienzen. Ausnahmslos.
Leider sind Mindestlohn und Mietpreisbremse keine Ausnahmen: Mindestens 50 Prozent aller Preise sind (teilweise) staatlich gelenkt: Steuern, Abgaben, Gebühren sowie Preisvorgaben aller Art schränken die Funktionalität der Märkte ein. Steuern und Abgaben werden von ihrem Volumen her stets weiter erhöht, um der vielzitierten ‘sozialen Gerechtigkeit‘ Genüge zu tun. Die bürokratische Umverteilung selbst aber ist mit ihrem gigantischen erforderlichen Apparat ein Musterbeispiel für Ineffizienz.
Neueste perfide Ausprägung des ‘Sozialismus light‘ ist der allgemein um sich greifende Ökologismus mit seinen allseits bekannten Nebenwirkungen: Ölheizungsverbot, Dieselverbot sowie Übersubventionierung für richtig erachteter Energieerzeugung.
Den Stab über den Staat brechen lasse ich den wohl größten Denker deutscher Zunge, der zu den Verheißungen und Versprechungen des Staates dereinst sagte:
“Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s. Ach, auch euch, ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen!” (Friedrich Nietzsche)
3. Finanzialisierung der Wirtschaft
Wenn die Politik von der dienenden Funktion der Wirtschaft fabuliert, muss dem ‘Staatsgläubigen‘ vor Augen geführt werden, dass die Wirtschaft, verstanden als Realökonomie, selbst nicht mehr Herrin des wirtschaftlichen Geschehens ist. Waren Geldhäuser vormals dröge Finanzintermediäre, um die Realökonomie mit dem Treibstoff Liquidität bzw. Kapital zu versorgen, geben nun die global agierenden Finanzinstitute immer mehr den Takt der Weltwirtschaft vor. Der Begriff Finanzialisierung hat sich in Rahmen der Analyse einer durch die Globalisierung brachial forcierten Entwicklung herausgebildet, um die Dominanz der Finanzwirtschaft über die Realwirtschaft zu veranschaulichen. Hier sind drei Dimensionen dieses schillernden Begriffes hervorzuheben: Zum ersten nimmt der Anteil der erzielten Renditen aus Finanzgeschäften in allen Wirtschaftssektoren zu: Nicht nur die Kreditinstitute und institutionellen Investoren, sondern auch klassische Industrieunternehmen steigern den Anteil ihres Finanzergebnisses am operativen Kerngeschäft. Zum zweiten unterleigen wegen der steigenden Bedeutung des reinen Finanzergebnisses unternehmerische Entscheidungen zunehmend dem Einfluss von Finanzinvestoren. Und schließlich zum Dritten hat das weltumspannende und hochdifferenzierte System von Finanzanlage- und Kreditbeschaffungsoptionen für eine nie geahnte Verbreitung der personellen Basis von Investoren und Kreditnehmern gesorgt.
Nun sind erweiterte Anlage- und Kreditbeschaffungsmöglichkeiten per se bestimmt nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Aber diese erweiterten Optionen im Rahmen der Finanzialisierung werden von problematischen Entwicklungen überlagert: Zum einen die exzessiven Blüten des Finanzkapitalismus, der in undurchschaubaren Finanzinnovationen und einer gigantischen Überwucherung der Finanzmarkttranskationen gegenüber den zugrundeliegenden realen Güterströmen zu einer aggressiven Investitionsstrategie insbesondere der wichtigen Marktteilnehmer geführt hat. Weiterhin hat wegen der globalen Vernetzung der Finanzmärkte und beflügelt durch ein jahrzehntelanges Zinsniveau nahe null die Kombination mit aggressivem Spekulantentum zu einem stetig krisenanfälligeren Weltfinanzsystem geführt.
Zum anderen wurden eben die geschilderten Exzesse des mittlerweile ‘Finanzindustrie‘ genannten Wirtschaftssektors erst ermöglicht durch ein durch und durch falsch konzipiertes Geldsystem. Das vorhandene, faktisch reine Papiergeldsystem ist der Katalysator für den exzessiven Finanzkapitalismus dem nicht nur, aber besonders nachhaltig die Anhänger der angeführten „Österreichischen Schule“ eine gold- oder realwertgedeckte Währung diametral gegenüberstellen. Während das Papiergeldsystem für eine exzessive Ausbeutung der Natur wie aller anderen Ressourcen steht und an kurzfristigen hohen Renditen orientiert ist, würde eine gold- oder in anderer Weise sachwertgedeckte Währung zu einer Entschleunigung aller Prozesse und Orientierung an langfristigen Entscheidungen führen. In vielen Fällen führt somit die Finanzialisierung zu dysfunktionalen Märkten und leistet der Krisenanfälligkeit der Weltwirtschaft Vorschub.
Als besonders exzessive Dysfunktionalität der Finanzmärkte ist schließlich die noch immer andauernde Existenz der Kunstwährung Euro zu nennen, der seit mehr als der Hälfte seiner Lebenszeit auf der Intensivstation liegt und künstlich mit von der EZB verordnetem Niedrigstzins und einer gigantischen Liquiditätsschwemme am Leben gehalten wird. Durch die EU-Finanzplanwirtschaft wird die Finanzialisierung auf paneuropäischer Ebene zum Geldsozialismus bzw. „Finanzialismus“ wie die Euro-Staatsplanwirtschaft von Prof. Thomas Mayer genannt wird. Unbestritten sind alle national gesonnenen politischen Kräfte stets Gegner der Euro-Einführung gewesen. Das Problem einer staatlichen Devisenbewirtschaftung auf nationaler Ebene wird aber auch bei Wiedereinführung der eigenen Landeswährung nicht ausgeschlossen. Der von Prof. Mayer geprägte Finanzialismus, also eine vom Markt losgelöste Planwirtschaft der eigenen Währung, könnte gerade nach Abwicklung des Euro die Nationalstaaten erfassen, wenn die nationale Notenbank nicht unabhängig von den Regierenden bleibt und die wiedereingeführte Landeswährung vom freien Spiel der Marktkräfte abgeschottet wird.
4. Marktmacht
Dem Verfasser dieser Zeilen war es vergönnt, Ende der 80er-Jahre sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der „kapitalistischen Kaderschmiede“ zu Mannheim aufzunehmen. Zu dieser Zeit gab es noch einen dickleibigen Band, der als Standardwerk galt und wohl bis heute gilt: „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Günter Wöhe, mittlerweile erschienen in einer aktualisierten 27. Corona-Auflage von 2020. Ungeachtet dessen, dass in diesem Klassiker der BWL wohl immer noch das klassische produzierende Gewerbe im Fokus steht, war in einem Vorwort des bereits 2007 verstorbenen Begründers des Standardwerkes eine mich heute prägende triviale Warnung enthalten: Der allseits hochgeschätzte deutsche Wirtschaftswissenschaftler Wöhe wies auf den Autodestruktionsprozess der Marktwirtschaft hin. Das eherne Gesetz des Kapitalismus: „Wachsen oder weichen“, führt heute nämlich mehr denn je zu einem Konzentrationsprozess, der im Kern die Marktwirtschaft dysfunktional macht. Wann immer sich Kartelle bilden, wann immer oligopolistische Strukturen entstehen oder einfacher gesagt marktbeherrschende Stellungen von Unternehmen in bestimmten Bereichen entstehen, wird ‘der Markt‘ wirklich blind, weil man ihm durch die Dominanz des ökonomischen Riesen die Augen aussticht.
Die politisch Verantwortlichen fabulieren zunehmend wieder vom Primat der Politik, dabei müssten sie zunächst auf dem Gebiet der Ordnungspolitik ihre Hausaufgaben machen. Wer Google, Microsoft und Apple nicht in ihrem Wirken eindämmt, braucht sich über das „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ (Shoshana Zuboff) nicht zu wundern. Um die nur beispielhaften neuen großen ‘Player‘ zu thematisieren: Hier treffen sich zwei kritisch zu nennende Problemkreise: Zum einen nach klassischer marktwirtschaftlicher Sicht die Problematik marktbeherrschender Stellung der Mega-Konzerne, zum anderen, weil mehr denn je fraglich ist, ob die Politik die „Big Other“ wie Google&Co. mit ihrem ungezügelten Datensammelschürfrecht überhaupt noch einhegen können. Es kann nicht eindringlich genug darauf hingewiesen werden, wie hoch die digitale Daten-Absorption der „Big Other“ den Totalitarismus des „Big Brother“ aus George Orwells Dystopie „1984“ in seiner Wirkmacht übersteigt. Jedes Surfen und Suchen hinterlässt den neuen digitalen Rohstoff der Informationen bzw. Daten durch Konsumenten, sogenannte kollaterale Verhaltensdaten, der konsequent durch die neuen digitalen Giganten abgeschöpft und monetarisiert wird. Der sogenannte digitale Verhaltensüberschuss mit seiner gezielten Werbekanalisierung wird so zu barer Rendite. Versuche der Begrenzung der ökonomischen Verwertung der Nutzerprofilinformationen gleichen im globalen Dorf dem Kampf gegen Windmühlen.
Dagegen mutet die Initiative von Robert B. Reich, einer Ikone der US-amerikanischen Linken, u.a. Arbeitsminister unter Clinton, mit seinem Buch: „Rettet den Kapitalismus – nicht nur die 1%“ schon regelrecht ‘oldschool‘ an, weil sie am klassischen Marktmissbrauch anknüpft. Nichtsdestotrotz ist gerade dieses Werk ermutigend für alle, die dem klassischen Rechts-Links-Schema entfliehen möchten. Denn gerade Reich schmiedet ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Bündnis mit gerade den konservativsten Republikanern der Vereinigten Staaten. Der geniale Wirtschaftswissenschaftlicher Reich stellt hierbei anhand anschaulicher Beispiele dar, dass „Kapitalismus“, also die marktwirtschaftlichen Mechanismen, an sich auch für ihn als ‘Linken‘ positiv zu werten sind, wenn es eben nicht die unsägliche Überwucherung von Marktmacht und politischer Macht gäbe. Mag sich in unseren europäischen Breitengraden ‘die Wirtschaft‘ ‘die Politik‘ noch irgendwie kaufen, auf den bezeichnenden Begriff des ‘Politikdarstellers‘ sei verwiesen, ist die unsägliche Überlagerung von Marktmacht und politischer Macht in den USA noch offensichtlicher, gerade wenn man sich die real existierende US-amerikanische Timokratie vor Augen führt. Im Ergebnis wird im ‘alten Europa‘ wie in ‘Übersee‘ die wirtschaftliche Macht durch politische Flankierungen missbraucht, um die Wirkungsmechanismen des Marktes außer Kraft zu setzen. Damit der Verfasser wenigstens ein lobendes Wort eines sozialistischen Antikapitalisten erhält, der sich unter die Leserschaft verirrt haben könnte, sei in diesem Zusammenhang konzediert: Der ‘Turbokapitalismus‘ setzt auf dieser Ebene die Marktkräfte ebenso außer Kraft und führt zu Ineffizienz wie der von mir stets verbal übelst zugerichtete Sozialismus.
Zusammenfassung:
Die wesentlichen Thesen:
- „Ja“ zum großen Leviathan Staat für die Bewahrung innerer und äußerer Sicherheit in multirassischen Gesellschaften sowie zur Außengrenzensicherung.
- „Nein“ zu interventionistischer und lenkender Aktivität des Staates im ökonomischen Sektor, wann immer er sich als ‘Gouvernante‘ aufspielt.
- Einzige Aufgabe des Staates im Bereich der Wirtschaft hat die Ordnungspolitik zu sein. Marktbeherrschende Stellungen von Unternehmen müssen verhindert bzw. beseitigt werden.
- Der Markt fördert gegenüber einer vermeintlichen politischen Elite mit Machbarkeitsutopien immer bessere Lösungen für das Allgemeinwohl zu Tage. Damit die Marktmechanismen funktionieren, müssen Sozialismus, Verzerrungen des Marktes durch Staatsaktivitäten, Exzesse an den Finanzmärkten sowie der Missbrauch von Marktmacht verhindert werden.